Philosophie
Text: Dr. Gabriele Dördelmann
 
Der Kreislauf der Dinge
 
So war die Natur des Kosmos, so ist sie, und so wird sie sein.
Es ist unmöglich, dass etwas anderes geschieht, als es geschieht.
Und an diesem Wandel und Wechsel nehmen nicht nur die Menschen und die übrigen Wesen auf der Erde teil, sondern auch die göttlichen Dinge, und selbst die vier Elemente verwandeln sich in auf- und absteigender Linie:
Erde wird zu Wasser und Wasser zu Luft, und diese wieder verwandelt sich in Äther; dieselbe Verwandlung geht auch umgekehrt von oben nach unten vor sich.
Wenn Du darauf deinen Sinn zu richten verstehst und dich willig dem Unabänderlichen beugst, so wirst du ein Leben voll Maß und Harmonie führen.
Epiktet
 
Der kleine Ausschnitt aus der Lebenslehre des großen Philosophen Epiktet weist auf die natürliche Form hin, die Werk und Wesen der Malerin Marion Doxie Delaubell einzufangen vermag: der Kreis.
 
Mit dem Titel „Inmitten dieser sonnenatmenden Erde“ hat die Künstlerin ihre Bilder aus den Jahren 1999 bis 2006 überschrieben und damit – unbewusst? –die Kreisform in den Mittelpunkt ihres Schaffens gestellt. Sonne und Erde, der Rahmen unserer menschlichen Existenz, stehen stellvertretend für den Kreis als Symbol des Kosmos. Zugleich weisen sie über die Grenzen des irdischen hinaus. Kreisende Himmelskörper sind Objekte der Sehnsucht eines Lufttyps, der die Beschränkungen des bloß irdischen Daseins in der Kunst nicht akzeptiert. So ist es kein Zufall, dass Bilder der Künstlerin Titel tragen wie Geschwistergestirne, Mondschatten oder überfließende Himmel.Die großen Themen, die den denkenden Menschen seit jeher beschäftigen, treiben Marion Doxie Delaubell um. Auf schöpferischem Weg spürt sie ihnen nach: der Zeit und dem Raum.
 
Stets finden sich in ihrem Werk Hinweise auf den ewigen Kreislauf des Entstehens, Werdens, Vergehens. Gedeihen und Verderben sind die mystisch metaphysischen Stationen der lebendigen Entwicklung. In dem Werk der Künstlerin symbolisiert das wiederkehrende Element der Kreisform diesen Kreislauf des Daseins. Bilder wie Zeit der Freude, Zeitenwandel oder Drei Seelen werden von der Kreisform auf ihrer gesamten Fläche geprägt. Charakteristisch sind jedoch die unzähligen kleinen oder auch größeren Spiralen, die sich auf nahezu allen Bildern wieder finden und damit gleichsam das Werk der Künstlerin wie ein verschlungener roter Faden durchziehen.
Treten die Spiralen in Abendphantasie neben dem Motiv des träumerisch transzendenten Engels eher in den Hintergrund, rücken sie in Herbstlaub vor einem quadratisch dunklen Hintergrund geradezu in das Zentrum der Wahrnehmung. Die unvermeidlichen „Sterntupfer“ in allen Bildern haben ihren Ursprung in Blaise Pascals Beschreibung des Weltalls als „ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umfang nirgendwo ist“.
 
Wo Engelsflügel scheinbar im Kosmos zerfließen (Stille), symbolisieren sie das Weite in der Enge, den Makrokosmos im Mikrokosmos. Geschwungene Bögen als ebenfalls unvollendete Kreise winden sich durch zahlreiche Bilder, in früheren Werken als dominanter, oft schwarzer Pfeil (Drei Seelen), in späteren Werken in Gestalt eines fließenden Stoffes (Stille, Abend), einer weiblichen Brust (Frauenakt) oder – besonders markant – im Flügelschlag des Ikarus.
 
Der schönste geschwungene Bogen befindet sich zweifelsohne im Bild Herbst…„Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch“ (Friedensreich Hundertwasser) ist nicht die einzige Überzeugung, die Marion Doxie Delaubell mit anderen Künstlern teilt. In ihrer Vorliebe für die geschwungene Linie zeigt sich nicht zuletzt die Nähe der Künstlerin zu Kandinsky. Obwohl sie dem Maler zu Beginn ihres schöpferischen Werks keine große Bedeutung zumaß, fühlt sie sich – nach der überraschenden Entdeckung, dass ihre Arbeiten Parallelen mit denen Kandinskys aufweisen – heute in besondere Weise von ihm beeinflusst. Ebenso wie seinerzeit Kandinsky empfindet sie eine tiefe Liebe zur Musik, aus der sie die Kraft für ihr künstlerisches Wirken schöpft.
 
Ohne die Ausdrucksmöglichkeiten durch Gesang und Klavierspiel wäre ihre gestaltende Kunst nicht denkbar. Ihre Zuneigung zur Literatur vervollständigt das künstlerische Wesen von Marion Doxie Delaubell im Sinne der Trilogie Malerei, Musik, Literatur. Da es die großen Themen sind, die sie bewegen, verwundert ihre Vorliebe für die Philosophie nicht.Als Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Poesie stellt Marion Doxie Delaubell einigen ihrer Bilder Gedichte Rilkes zur Seite und gewährt dem Betrachter auf diese Weise einen zweifachen Zugang zu ihrem Werk. Denn durch die Lebens- und Schaffensphilosophie Rainer Maria Rilkes ist die Künstlerin tief berührt und in besonderer Weise inspiriert. Rilkes Gedichte werden zu Quellen des Wunsches, das Große im Kleinen und den Zusammenhang allen Seins darzustellen: Das Fließende im Festen findet seine Entsprechung in den Farbrinnsalen der Horizonte, das Hoffnungserfüllte im transzendenten Blick der Engel. Minotaurus, den die Künstlerin zunächst gegenständlich gestaltete und ihn später abstrakt überarbeitete, lässt im Sinne einer doppelten Wandlung den Vorwärtsdrang in der Fortentwicklung sichtbar werden.Die Größe der Themen Zeit und Raum hindert Marion Doxie Delaubell nicht, ihre Inspiration auch in Alltagsdingen zu suchen.
 
Eine bunte Zeitschriftenwerbung eignet sich für den nächsten Hintergrund ebenso gut wie Anregungen aus der Natur. Resultat der ersteren sind die Horizonte II, V und VI, der letzteren die naturalistischen Rosenbilder Inmitten der Rosenschale und Pfingstrosen. Jedes Bild wird aus dem Hintergrund entwickelt, was überrascht, ist es doch stets geprägt von der Liebe zum Detail. Diese bemerkenswerte Technik lässt sich am ehesten bei den Engelmotiven Lausche den Winden, Abendphantasie und In einem fernen Park nachvollziehen.
Die Farben sind sorgfältig komponiert, die inhaltliche Fülle der Bilder regt den Betrachter zum Verweilen an. Dabei folgt die Künstlerin keinem strengen Programm. Sie entwickelt die Bilder ohne Planung und Studien allein aus ihrer Inspiration und nimmt sich die Freiheit, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen. Der ihr eigene Perfektionismus zwingt sie allerdings dazu, Bilder nach Fertigstellung grundsätzlich in den Details zu überarbeiten oder sogar gänzlich zu verwerfen.
 
Dieser Dualismus zwischen Freiheit und Zwang ist in der Kreisform, die die Bilder durchdringt, angelegt. Der geschlossene Kreis zeigt Grenzen auf, kreist und engt zugleich ein. Sich im Kreis zu bewegen, birgt die Gefahr, nicht wieder herauszufinden. Andererseits bietet ein Kreis, sei es der Familien- oder Freundeskreis, Schutz und Geborgenheit, in dessen Mitte man sich frei bewegen und entfalten kann.
 
Marion Doxie Delaubell vermag diesen Dualismus aufzulösen, indem sie aus der Spannung die Kraft für ihr Schaffen schöpft, Ansporn aus ihren Zweifeln gewinnt und Rückschläge als Herausforderung annimmt.Der Flug des Phönix mag als Sinnbild für diese bemerkenswerte Eigenschaft der Künstlerin dienen. Hier offenbart sich zudem eine kämpferische Haltung, mit deren Hilfe sich die Künstlerin als Autodidaktin stets neue Techniken aneignet und unermüdlich an sich arbeitet, um sich weiterzuentwickeln. Ihr Atelier wird zu ihrem Kampfkreis, ihrer Arena, in der sie sich ein so wunderbares Bild wie den Minotaurus abringt.Marion Doxie Delaubell hat auf diese Weise in den vergangenen Jahren ein erstaunlich vielfältiges Werk geschaffen. Sie nimmt sich die Freiheit, je nach Inspiration gegenständlich, abstrakt oder humoristisch zu malen und dabei mit unterschiedlichen Materialien und Techniken zu experimentieren. Der Betrachter reibt sich verwundert die Augen und versucht, die Gemeinsamkeiten zwischen Bildern wie Horizonte IV, le baiser et le roi oder Pegasus II auszumachen.
In ihrer Überzeugung, dass Kunst immer auch Ausdruck individueller Freiheit ist, verschreibt sie sich allein dem Lustprinzip, strebt nach Authentizität und lehnt folgerichtig die oft strenge Prägung durch Kunstschulen ab. Ihre Bilder sollen durch Leichtigkeit und Zugewandtheit bestechen, den Betrachter zum Verweilen anregen und ihm so eine Zeit der Freude schenken. Kehrt er dann in seinen Alltag zurück, nimmt er aus Marion Doxie Delaubells Bildern vielleicht das große Thema, vielleicht das kleine Detail, vielleicht aber auch ihr Lebensmotto mit:
 
„Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antworten hinein.
“Rainer Maria Rilke in einem Brief anFranz Xaver Kappus, 16. Juli 1903"

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